Die Phasen der Venus

Wenn ich zur Zeit mein Fernrohr in Richtung Venus richte, fällt mir Erstaunliches auf. Es ist so erstaunlich, daß es es fast schon komisch wirkt. Oder sollte ich vielleicht sagen, es wirkt verrückt? Mir ist folgendes aufgefallen:

Je kleiner die Venus ist, umso größer ist sie!

Ich kann es fast fühlen, wie ihr den Kopf schüttelt und ich spüre förmlich eure Gedanken: „Ist er jetzt ganz verrückt geworden, der Edgar? Kein Wunder! Einer, der Gummibärchen beim Skispringen fotografiert! Was kann man denn von so einem anderes erwarten…“

Freunde der gepflegten Abendunterhaltung. Laßt euch versichern, daß ich meiner Sinne noch mächtig bin. Ich bin noch nicht verrückt, auf jeden Fall noch nicht ganz. Und getrunken hab ich auch nichts 🙂 . Ich wiederhole also meine Behauptung von eben:

Je kleiner die Venus ist, umso größer ist sie!

Ich glaube, es sind ein paar erklärende Worte notwendig. Lehnen wir uns also gemütlich zurück und werfen einen Blick in unser Sonnensystem. Doch zuerst ein kleines Foto, das mich auf die Idee für diesen Artikel gebracht hat.

Die Venus, fotografiert am 15. Februar 2017:

venus

Das Sonnensystem

Entgegen anderslautender Behauptungen der ferneren Vergangenheit, bewegt sich die Erde um die Sonne und nicht anders herum.  Und die Planeten tun es der Erde gleich. Auch sie ziehen auf mehr oder weniger kreisförmigen Bahnen um die Sonne.

Der sonnennächste Planet ist der Merkur, den zweiten Platz hat sich die Venus ergattert und dann kommen schon wir auf unserer Erde. Der Mars hat das Rennen um die wärmende Nähe der Sonne verloren und befindet sich weiter weg auf Platz 4.

Merkur, Venus, Erde und Mars werden manchmal als innere Planeten bezeichnet, da sie sich näher an der Sonne befinden als der Asteroidengürtel.  Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun befinden sich außerhalb des Asteroidengürtels und werden äußere Planeten genannt.

Vier äußere und vier innere Planeten, Unentschieden also. Den neunten Planeten, der für eine Entscheidung zu Gunsten der äußeren Planeten hätte sorgen können, hat man uns vor Jahren ja genommen. Pluto wurde damals zum Kleinplaneten degradiert.

Zwei der inneren Planeten haben eine Eigenheit, die sie mit dem Erdmond teilen. Sie werden von der Sonne unterschiedlich angestrahlt und zwar so stark unterschiedlich, daß es auffällt. Merkur und Venus haben Phasen.

Schaun wir uns das mit den Phasen mal am Beispiel der Venus an.

Obere Konjunktion

Befindet sich die Venus von uns aus gesehen hinter der Sonne, so wird sie voll ausgeleuchtet. Vollvenus sozusagen ähnlich unserem Vollmond. Das können wir aber leider nicht sehen, da die Sonne ja im Weg ist.

Diese Position des Planeten wird obere Konjunktion genannt.

  • Die Venus befindet sich hinter der Sonne
  • Die Venus ist am weitesten von der Erde entfernt
  • Die Venus ist nicht sichtbar
  • Das Venusscheibchen hat den kleinsten scheinbaren Durchmesser, wenn man es denn sehen könne
Größte östliche Elongation

Alles ist in Bewegung, nichts steht still. So wird auch die Venus irgendwann hinter der Sonne rausgucken auf ihrem Weg rund um die Sonne.

Von uns aus gesehen links von der Sonne, also östlich davon, schaut sie raus. Ein paar Tage, dann ist sie soweit nach links gewandert, daß sie von der Sonne nicht mehr überstrahlt wird. Die Venus wird größer und heller, da sie der Erde langsam näher kommt.

Wenn wir einen Blick in den Abendhimmel werfen, dann haben wir den Eindruck, als entferne sich die Venus immer mehr von der Sonne. Immer weiter östlich ist sie zu entdecken. Sie steht nun als heller Abendstern am Himmel.

Doch bald hört diese Bewegung in Richtung Osten auf. Dieser Punkt wird größte östliche Elongation genannt (Elongation bezeichnet in der Astronomie oft den scheinbaren Abstand zwischen einem Himmelskörper und der Sonne).

Die Sonne scheint dann von der Seite auf die Venus und kann etwa die Hälfte des Venusscheibchens erleuchten. Der Rest bleibt im Dunkeln. Erinnert ihr euch noch an meinen Vergleich mit dem Vollmond? Das war, glaub ich, bei der oberen Konjunktion. Jetzt könnte man einen Halbmond als Vergleich heranziehen.

  • Die Venus ist etwa zur Hälfte beleuchtet
  • Vergleichbar zum Halbmond
  • Die Venus ist der Abendstern
  • Die Venus ist schon so richtig heller
  • Die Venus erscheint uns immer größer
Größte Helligkeit

Kreisbahnen (und auch Ellipsen) haben die Eigenheit, daß es irgendwann wieder zurück geht. So auch diesmal. Die Venus befindet sich nun in einem Bahnteil, der sie vor die Sonne bringen wird. Der Abstand Erde – Venus wird dabei immer geringer.  Und je näher uns die Venus kommt, umso größer wird sie.

Da nun aber die Sonne nur noch von seitwärts hinten auf den Planten scheint, wird die Venus zur Sichel. Und diese Sichel wird von Tag zu Tag kleiner. Ist die Sichel noch 30%, dann erstrahlt die Venus in ihrer größten Helligkeit.

Danach nimmt die Helligkeit der Venus langsam ab, obwohl sie der Erde immer näher kommt.

Die Venus scheint sich auf dem Abendhimmel nach rechts zu bewegen und mit jedem Tag der Sonne immer näher zu kommen.

Untere Konjunktion

Die Venus ist dann am größten, wenn sie sich zwischen der Sonne und der Erde befindet. Dann ist die Entfernung des Planeten zu uns am geringsten. Die Venus ist nur noch einen Steinwurf weit weg 🙂

Betrug die scheinbare Größe des Venusscheibchens zu Beginn ihrer Wanderung, also in der oberen Konjunktion, etwas 10 Bogensekunden, so ist sie nun auf die stolze Größe von 1 Bogenminute, also 60 Bogensekunden angewachsen.

Allerdings haben wir nun das gleiche Problem wie bei der oberen Konjunktion: Der Planet ist für uns nicht mehr sichtbar. Er wird von hinten angestrahlt und die uns zugewandte Seite liegt damit im Schatten.

Um bei der Analogie mit dem Mond zu bleiben, haben wir nun Neu-Venus entsprechend dem Neumond. The dark side of the Venus, sozusagen.

Der Bahnpunkt, an dem die Venus vor der Sonne steht, wird untere Konjunktion genannt.

  • Die Venus wird von hinten angestrahlt
  • Die Venus ist nicht sichtbar
  • Die Venusphase ist mit unserem Neumond zu vergleichen
  • Die Venus steht der Erde am nächsten
  • Das Venusscheibchen hat den größten scheinbaren Durchmesser.

Übrigens, es gibt noch einen zweiten Grund, warum die Venus während der unteren Konjunktion nicht zu sehen ist. Sie wird schlichtweg von der gleißenden Helligkeit der Sonne überstrahlt.

Der Morgenstern

Weiter geht die Reise.

Der Planet ist von links gekommen, hat sich vor die Sonne geschoben und schaut nach kurzer Zeit am rechten Sonnenrand wieder heraus, leider immer noch nicht sichtbar.

Nach ein paar Tagen aber hat sich die Venus soweit in Richtung Westen von der Sonne entfernt, daß man sie wieder am Himmel entdecken kann. Da sie sich nun aber westlich der Sonne befindet, geht sie vor der Sonne unter und nach der Sonne wieder auf.

Schluß ist es mit dem schönen Abendstern. Die Venus leuchtet nun am Morgenhimmel als immer heller werdender Morgenstern.

Dieser Morgenstern erreicht seine größte Helligkeit, wenn sein Scheibchen zu 30% beleuchtet ist. Danach wird´s wieder düsterer.

Größte westliche Elongation

Der größte westliche Abstand der Venus von der Sonne wird größte westliche Elongation genannt.

  • Die Venus ist etwa zur Hälfte beleuchtet
  • Wie der Halbmond
  • Die Venus ist der Morgenstern
  • Die Venus wird immer kleiner
  • Die Venus wird immer dunkler.
Das Ende der Reise

Der Abschluß der Rundreise ist der Zeitpunkt, wenn die Venus wieder hinter der Sonne verschwunden ist, an ihrer oberen Konjunktion.

Venustransit

Zur unteren Konjunktion befindet sich die Venus zwischen der Sonne und der Erde. Da könnte der Eindruck entstehen, die Venus müsse als dunkle Scheibe sichtbar werden, wenn sie vor der Sonne vorbeizieht. Dieser Eindruck ist richtig und doch wieder nicht richtig.

Wenn die Bahnebenen von Erde und Venus gleich wären, dann könnte man während jeder unteren Konjunktion einen Venustransit über die Sonnenscheibe sehen. Sind sie aber nicht!

Die Bahn der Erde ist gegenüber der Bahn der Venus leicht geneigt. Und diese Neigung reicht aus, damit die Venus die Sonnenscheibe regelmäßig verfehlt. Venustransits sind sehr selten. Der nächste steht im Jahr 2117 an. Wer also den letzten Transit im Juni 2012 verpasst hat, der hat Pech gehabt.

Den nächsten Transit wird man nur beobachten können, wenn man Zeitreisen beherrscht oder das ewige Leben besitzt.

Technische Daten zum Foto
  • Teleskop: GSO-RC 2000mm
  • Optische Brennweitenverlängerung: 4fach
  • Resultierende Gesamtbrennweite: 8 Meter
  • Kamera: Canon EOS 600D
  • Aufnahmeformat: CR2
  • Belichtungszeit: 1/250 s
  • ISO: 400
  • Aufnahmedatum: 15. Feb. 2017
  • Aufnahmezeit: 18:51
  • Venusphase: 28,6%
  • scheinbare Helligkeit: -4,63 mag
  • scheinbarer Durchmesser: 38,2 arcsek
  • Entfernung zur Erde: 65 Mio. km
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